Verwöhnen und verwöhnt werden
„Verwöhnen“ und „verwöhnt werden“ fühlen sich für uns oft wie ein natürliches Paar an, doch es ist nicht automatisch immer ausgeglichen. Das Gleichgewicht entsteht hier eher durch Passung, durch Timing und nach Absprachen, auch nach stillschweigender Absprache, als durch die bloße Tatsache, dass beide Seiten verwöhnen wollen. Meistens ist es eher nicht automatisch ausgeglichen. Denn unsere Bedürfnisse sind verschieden und auch wechselhaft. Manche von uns fühlen sich besonders geliebt, wenn sie versorgt werden und andere, wenn sie gesehen werden. Außerdem ändern sich unsere Bedürfnisse mit der Zeit durch Stress, unterschiedliche Energien und verschiedene Lebensphasen. Verwöhnen kann heißen, dass wir Zeit haben, Aufmerksamkeit schenken, Körpernähe zulassen, praktische Hilfe anbieten oder auch kleine liebevolle Gesten und Ermutigungen zeigen. Wenn zwei von uns „verwöhnen“ sagen, aber unterschiedliche Auslöser meinen, wirkt es sehr schnell ungleich. Wer gerade mehr leistet ob durch Arbeit, Krankheit oder das Alltagspensum gibt dann mehr und bekommt weniger. Das ist natürlich nicht „falsch“, aber es braucht in jeder unserer Beziehungen wieder ein Gleichgewicht, damit es sich nicht in Ungerechtigkeit verwandelt. Es kann auch sein, das eine Seite Fürsorge als Geschenk erlebt und die andere als Verpflichtung. Es sollte auch keine Buchhaltung geben, sondern eher eine Regel wie: „Wenn du viel gibst, bekommst du auch mehr Spielraum“ oder „Wir wechseln unsere Rollen je nach Phase“. Wenn unser Verwöhnen das trifft, was der oder die andere gerade wirklich braucht, fühlt es sich ausgeglichen an, selbst wenn die Mengen zeitweise unterschiedlich sind. Auch kleine, verlässliche Gesten, die beide Seiten regelmäßig erreichen, schaffen viel eher ein Gleichgewicht als seltene, übermäßig intensive Ausbrüche. Ein Ausgleich entsteht immer, wenn Verwöhnen nicht aus Selbstverrat besteht. Wenn wir geben, ohne uns zu verlieren, bleibt unser „Ja“ echt und das kommt dann auch so an.